Drei Tage Grün

Fasten wie ein Yogi

Es begann mit einer harmlosen Kundalini Yoga-Stunde im vergangenen Jahr. Während wir durch dynamische Drehungen unseres oberen Rumpfes versuchten all die bösen Giftstoffe aus unseren Organen zu vertreiben, erzählte die Lehrerin uns von der „grünen Diät“. Wahrscheinlich war die Aussage, dass man dabei so viel essen dürfe, wie man wolle, ausschlaggebend für unsere Euphorie, das Ganze mal selbst auszuprobieren. Das jegliche Nahrung, ob nun in Form von Essen oder Getränken, dabei grün sein muss, war für meine Freundin und mich zunächst zweitrangig. Unsere Gedanken spiegelten eher folgendes wider: Eine Diät bei der man so viel essen kann, wie man will? Wie geil ist das denn??

Eine Asienreise, einen Umzug und letztendlich ein Jahr später waren wir zumindest immer noch so begeistert von der Idee unseren Körper mithilfe der grünen Diät zu entgiften. Als ich mich im Internet über das genaue Vorgehen informierte, erfuhr ich eine Menge über die Farbe Grün, was grüne Nahrungsmittel alles so mit unserem Körper anstellen und dass die richtigen Cracks das Ganze bis zu 30 Tage am Stück durchziehen! Meine Freundin und ich waren uns einig, dass uns fürs Erste drei Tage ausreichen würden. Uns bei der Farbe von Lebensmitteln auf Grün zu beschränken erschien uns nicht weiter schlimm. Neben Götterspeise mit Waldmeistergeschmack und sauren Apfelringen gibt es nämlich auch eine Vielzahl an Gemüse und frischen Kräutern, die grünen Farbstoff enthalten! Das sogenannte Chlorophyll verleiht Salat & Co nicht nur seine Farbe, sondern ist vor allem super gesund für den menschlichen Organismus. Während es Pflanzen bei der Photosynthese hilft, unterstützt es den menschlichen Körper beim Aufbau neuer Blutzellen und bei der Reinigung von Giftstoffen. Um die Superfoods in ihrer vollen Funktion nutzen zu können muss bei der grünen Diät allerdings auch auf alle weiteren Zusatzstoffe verzichtet werden. Leider ist weder Salz noch Zucker grün, deshalb sind zum Würzen der Mahlzeiten lediglich Kräuter oder Limettensaft erlaubt. Meine Mitbewohnerin deckte uns bei ihrem nächsten Einkauf mit einem Haufen an Grünzeug ein: Salat, Avocados, Weintrauben, Birnen, Gurken, Brokkoli und lauter andere chlorophyllträchtiger Dinge eben. Nach einem letzten deftigen Essen am Vorabend wurde ich direkt am ersten Morgen unserer grünen Diät auf die Probe gestellt.

Nach einem Obstsalat bestehend aus Trauben, Birnen und grünen Äpfeln, sowie einer Kanne Brennnesseltee zum Frühstück, traf ich meinen Vater beim IKEA. Eigentlich wollte ich dort nur zwei Regale für mein Zimmer besorgen, der Magen meines Vaters hatte jedoch andere Pläne. Mein Vater hatte Hunger und wenn ein Thai Hunger hat, dann aber richtig! In der IKEA-Kantine ließ der Gute sich also nicht von meinen grünen Absichten stören und bestellte kurzerhand für zwei Personen. Dass ich davon nichts essen würde, störte ihn nicht weiter. Die zwei Steaks mit Kartoffelspalten, der große Salat mit Räucherlachs und Dilldressing und das Mousse au Chocolat verdrückte er problemlos allein. Ich musste mich derweil mit meiner Tasse grünen Tee zufrieden geben. Komischerweise verspürte ich eine ungewohnte Art von Befriedigung in mir als ich meinen Vater dabei zusah wie er – ganz nach thailändischer Art – das Steak nur so hinunterschlang. Der erwartete Futterneid blieb aus. Im Gegenteil: meine Willensstärke bezüglich unseres Vorhabens hatte sich nur noch mehr gesteigert und ich fühlte mich wie ein wahnsinnig guter Mensch, der seinem Gegenüber sein saftig medium gegrilltes Steak von Herzen gönnte ohne selbst davon zu essen. In völligem Einklang mit meiner Selbst gönnte ich mir daheim eine extragroße Portion ungesalzenen Brokkoli mit einer Prise gehackten Pistazien – selbstverständlich unbehandelt! Nach zwei Stunden machte sich dann erneuter Hunger breit, also setzten meine Freundin und ich uns noch einen Topf Rosenkohl auf. Während unsere Mitbewohnerin sich die grünen Bällchen mit Fleischbeilage und einer ordentlichen Portion Butter und Salz hineinschaufelte, durften wir immerhin die Erfahrung machen, den Rosenkohl in seinem völlig natürlichen Geschmack kennenzulernen. Die Bekanntschaft war rein geschmackstechnisch vielleicht nicht die erfreulichste, unsere Bäuche waren dennoch zufriedengestellt. Mit einer Kanne Brennnesseltee am Abend war der erste grüne Tag auch schon überstanden.

Tag Zwei startete wieder mit einem Liter Tee und grünem Obstsalat. Trotz deutlich geringerer Zufuhr von Kohlenhydraten, die bei meinen gewöhnlichen drei Scheiben Schwarzbrot am Morgen eigentlich mehr als reichlich gedeckt ist, konnte ich keine Leistungsminderung beim morgendlichen Joggen feststellen. Da ich auch am Tag zuvor wenig Kohlenhydrate zu mir genommen hatte, fühlte ich mich umso leichter und schwereloser als ich den Elbstrand entlanglief. Zum Mittag bereiteten meine Freundin und ich uns den wohl grünsten Salat aller Zeiten zu: Babyspinat, grüne Paprika, Avocado, Gurke und grüne Oliven. Dazu kochte ich uns eine Suppe aus pürierten Erbsen. Für die würzige Note gab ich etwas grüne Currypaste aus Thailand hinzu. Garniert wurde das Ganze dann mit Kürbiskernen. Bereits nach einem Tag ohne Salz oder andere Zusatzstoffe löste die angenehme Schärfe eine wahre Geschmacksexplosion unserer Sinne aus. Die Kürbiskerne entpuppten sich außerdem als geeignete Knabberei für Zwischendurch, sodass die Tüte nach jedem Gang in die Küche leerer wurde. Die erwarteten Stimmungsschwankungen und Zickereien blieben weiterhin aus. Zwar fehlte uns das Frühstücksei und die Scheibe Schwarzbrot am Morgen, unsere Körper fühlten sich aber bereits nach 1 ½ Tagen viel fitter und vitaler.

Am dritten Tag hatte ich mich bereits an die grüne Nahrung gewöhnt. Es war gar nicht mal so schlimm durch den Supermarkt mit all seinen vollgestopften Regalen und Genussmitteln im Überdruss zu laufen und ihn mit lediglich einer Avocado und zwei Kiwis zu verlassen. Im Gegenteil: ich fühlte mich ziemlich gut dabei. Natürlich ist man auf gewisse Weise stolz darauf ein Ziel diszipliniert zu verfolgen und dabei auf sein körperliches Wohlbefinden zu achten. Für mich persönlich war es dann aber doch eher der bewusste Umgang mit Nahrungsmitteln als solcher, der etwas in mir veränderte. Ich dachte an meine Zeit in Asien zurück in der uns so viele Menschen begegnet waren, die sich einen vollgestopften Supermarkt ganz nach dem Motto „Wir lieben Lebensmittel“ nicht mal erträumen würden. Wie käme ich also dazu mich über drei Tage grüne Ernährung zu beschweren, wo ich doch die volle Bandbreite an Auswahl hatte. Ein anderer Gedanke, der mir kam, waren die buddhistischen Weisheiten, mit denen ich mich während der Reise beschäftigt hatte. Das Ziel Buddhas war es die vollständige Erlösung aller menschlichen Qualen zu erreichen. Dazu zählte er vor allem die Überwindung des unersättlichen menschlichen Verlangens. So begeben sich Mönche beispielsweise freiwillig in die Situation des Verzichtens und scheinen mit sich selbst völlig im Reinen zu sein. Vor diesem Hintergrund erscheint es auf einmal lächerlich, wie schwerwiegend allein die Tatsache sein kann, dass die Lieblingssorte Chips beim Einkauf kurz vor Ladenschluss ausverkauft ist. Wir als Konsumenten verleiten die Industrie dazu unser unersättliches Verlangen zu stillen und treiben damit die grenzenlose Überproduktion von Lebensmitteln voran. Dass wir alle viel mehr essen, als wir wirklich bräuchten und vor allem als gesund für unseren Körper ist, wird völlig verdrängt. All diese Gedanken kamen mir während ich durch den akkurat gestalteten Supermarkt lief. Wahrscheinliche würde ich es nie schaffen ein Leben komplett ohne sündhaften Konsum gewisser Lebensmittel zu führen. Ganz bestimmt würde ich aber künftig noch mehr darauf achten, was und wie viel ich konsumiere. Nicht nur meiner eigenen Gesundheit wegen, sondern vor allem mit dem Wissen, dass es ein Privileg ist zwischen zwanzig Brotsorten auswählen zu können. Eine Tüte unbehandelter Rosinen verirrte sich dann trotzdem in meinen Einkaufskorb. Bevor sie schrumpelig wurden, waren sie immerhin auch grün.

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